1.1.0 Einleitung

Viele von uns werden es als gegeben ansehen, dass wir mit unseren Sinnesorganen (Sehorgane – Augen) alles uns Umgebende, also die gesamte Umwelt, und damit die gesamte Wirklichkeit wahr nehmen können.

Für unsere Vorvorfahren war dieser Annahme selbstverständlich. Das spiegelt sich in ihrem Welt- und Menschenbild wider.

Heute wissen wir, dass wir nur einen sehr kleinen Teil der Wirklichkeit über unsere Augen erfassen können:

Sehr vieles aus unser Umwelt können wir mit unseren Augen nicht erfassen,

  • das sind Bereiche im mikroskopischen Bereich (z.B. die Einzeller, Viren, aber auch im molekularen oder atomaren Bereich usw.)
  • sowie im makroskopischen Bereich (z.B. das, was die Astrophysik erforscht). In früheren Jahrtausenden waren für die damals lebenden Menschen auch die Dimensionen der Erde und der Kontinente, auf dem sie lebten, für sie nicht begreifbar – sie besaßen nicht die Möglichkeiten diese Dimensionen in ihr Weltbild einzuordnen.

 

Das liest sich für manche wahrscheinlich irgendwie crazy. Daher versuche ich es mit einem Beispiel zu beschreiben:

Dazu zunächst die Frage, warum wir sehen können.

Über unsere beiden Augen nehmen wir Lichtstrahlen wahr, die von einem Objekt ausgehen. Diese Lichtstrahlen treffen im hinteren Teil unserer Augen auf eine „lichtsensible Schicht“, die wir Netzhaut (Retina) nennen. Eine dieser Schichten besteht aus Rezeptoren (Lichtrezeptoren = Photo-rezeptoren).

Trifft Licht auf unsere Augen, dann werden die Lichtstrahlen durch die Hornhaut und die Augenlinse gebündelt bevor sie auf die Netzhaut treffen. Eine Schicht der Netzhaut besteht aus speziellen Rezeptoren (Sinneszellen), von denen es zwei Arten gibt

  • Stäbchen, von denen kommen in unserem Auge etwa 120 Millionen vor. Sie sind lichtempfindlich und dienen bei schwachem Licht zur Unterscheidung von Grautönen.
  • Zapfen – davon kommen etwa 6 Millionen vor. Sie sind bei heller Beleuchtung farbempfindlich und dienen dem farbigen und scharfen Sehen

Die Sinneszellen besitzen einen Fortsatz, der sich mit den Fortsätzen der anderen Sinneszellen zum Sehnerv (Nervus opticus) vereint. Sehr vereinfacht beschrieben:

Der Lichtreiz wird in den Stäbchen und Zapfen in ein elektrisches Signal umgewandelt, das in einen Nervenimpuls über den Sehnerv (Nervus opticus) zur Sehrinde gelangt, die im hinteren Teil unseres Gehirns liegt. In der Sehrinde werden die Signale zusammen gesetzt und bilden damit ein bewusst wahr genommenes Gesamtbild dessen, was wir zu sehen glauben.

Was bedeutet das für unser Fähigkeit unsere Umwelt wahr zu nehmen?

Unsere Augen registrieren über die Lichtrezeptoren alles was in unserem Gesichtsfeld auftaucht. Die Stäbchen und Zapfen leiten diese Informationen über verschiedene Stationen an bestimmte Bereiche unseres Gehirns weiter. Dort werden diese Informationen nach Wichtigkeit gefiltert werden. Dabei spielen bereits gemachte Erfahrungen bei der Reaktion auf diese Informationen eine sehr große Rolle.

Als Beispiel für eine mögliche Reaktion

Beim Autofahren nehmen wir nur das bewusst wahr, was eine Gefahr bedeuten könnte oder unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht (ein abrupter Bremsvorgang oder ein ungewöhnliches Auto). All die Bäume am Straßenrand nehmen wir nicht bewusst wahr. Bremst vor uns ein Auto abrupt, dann bremsen die erfahrenen AutofahrerInnen reflexartig, Millisekunden bevor ihnen die Gefahr bewusst wird. Ist es ein ungeübter Fahrer, dann muss das Gehirn erst die Information verarbeiten bevor der Fahrer bewusst das Bremspedal drückt.

Kam es dabei zu einem Unfall und wurde dieser von mehreren Zeugen beobachtet, dann kann es zu unterschiedlich Aussagen kommen, weil der Blickwinkel ein anderer war, aber auch infolge der bei anderer Gelegenheit gemachten Erfahrungen und Auslegungen jeder den Zusammenstoß etwas anders wahr genommen haben könnte.

Viele unserer Wahrnehmungen beruhen nicht nur auf dem, was wir über unsere Augen wahr nehmen sondern auch darauf, wie unser Gehirn diese Wahrnehmungen bewertet, durch bereits gemachte Erfahrungen erweitert oder verändert. All das ist entscheidend für unsere Reaktion auf einen von Außen kommenden Reiz.

Diese Erkenntnisse hat Sigmund Freud als Schichtenmodell (Eisbergmodell) bezeichnet: Bewusst, Vorbewusst, Unbewusst. Dazu in späteren Kapiteln mehr.

Das sich durch neue Erkenntnisse oder Interpretationen (dazu zählen auch ideologische Vorstellungen) unser jeweiliges Welt- und Menschenbildes immer wieder verändert, zeigt sich auch darin, dass sich gesellschaftliche Modelle und die Interpretation für unser Dasein in der Vergangenheit und besonders heute immer wieder grundlegend verändert hat und verändert.

All die neuen Auslegungen und Erkenntnisse scheinen zunächst von wenigen Menschen ausgegangen zu sein. Ihre Ideen und Vorstellungen mussten sich erst durchsetzen. Bei diesen Ideen dürfte es förderlich gewesen sein, wenn sie den Menschen als wünschens- oder erstrebenswert erschienen. Brauchte es in früheren Jahrhunderten und Jahrtausenden viel Zeit, bis diese neuen Erkenntnisse oder Ideologien bei immer mehr Menschen zum allgemeinen Wissensgut wurden, so geschieht das heute durch die Kommunikationsmedien rasend schnell.

 

Über unser Welt- und Menschenbild

Heute blicken wir auf ein Gedankengut zurück, dass seinen Anfang vor etwa 5.000 Jahren nahm. Für Gesellschaftsformen, die sich auf Abraham berufen (Juden, Christen, Moslime), prägte es die Ethik, Moral und die daraus sich entwickelnden Normen.

Die Älteren von uns wurden und werden teilweise noch nach dem jeweiligen religiösen Weltbild sozialisiert. Wir werden in die Welt unserer direkten Vorfahren hineingeboren und übernehmen von ihnen die Erfahrungen, Werte, Normen und damit auch das Welt- und Menschenbild.

In jungen Jahren beginnt dann für manche das Hinterfragen. Andere wiederum lehnen das mit den neuen Erkenntnissen verbundenen neue Denken und Handeln ab, weil sie dadurch den Verlust ihres festen Weltbildes fürchten.

Meine als Kind erworbene Weltsicht beruht auf der Bibel mit ihrer Schöpfungsgeschichte. Aber es gibt viele andere Schöpfungsgeschichten denen zumeist eines gemeinsam ist, dass wir Menschen von höheren Wesen so erschaffen worden wären,  wie wir heute noch sind.

Die sich auf Abraham berufenden Religionen, vermitteln eine Schöpfungsgeschichte, die die Menschwerdung auf Adam und Eva zurück führt. Auch wenn viele Gläubige heute das Bild des Paradieses als Mythos begreifen, so ist doch der Glaube daran, dass wir Menschen über der anderen belebten Natur stehen, tief in unserem kollektiven Gedächtnis verankert. Dazu gehört auch die Annahme, dass unser menschlicher Körper so geschaffen wurde wie er heute ist.

Früher, d.h. noch bis in die Mitte des zwanzigstens Jahrhunderts, lernten die allermeisten Kinder in der Schule Lesen, Schreiben, Rechnen und je nach religiöser Ausrichtung der Schule oder des Landes die Glaubensregeln einer Religion. Die neuen Erkenntnisse der Naturwissenschaften in Genetik, Zellbiologie oder Physik wurden, wenn, dann nur in Ansätzen an den Gymnasien vermittelt. So ist nachvollziehbar, dass das alte Weltbild noch lange das Alltagswissen bestimmte.

Hinzu kam, dass wir Menschen uns nur schwer von übernommenen trennen, wir verharren mit unserem Verhalten und unserem Denken in den Strukturen in denen wir sozialisiert wurden.

Aber all das, was wir schon in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts erlernten, dürfte für unsere Vorfahren, die vor 200 Jahren lebten, unglaubwürdig, sogar gotteslästerlich gewesen sein, wenn einer behauptet hätte, dass wir Menschen uns aus einer anderen Art oder aus einer Urzelle zu unserer heutigen Körperform weiter entwickelt hätten. Und auch heute noch bedeutet es für viele Menschen, die anderen Religionen angehören, eine Provokation, die Thesen der Evolution nicht nur zu behaupten sondern sie anhand Beispiele zu belegen. Die Evolutionstheorie wird von vielen rundweg abgelehnt, weil diese Menschen möglicherweise das Empfinden haben, dass dann ihre Weltsicht einstürzen könnte.

Heute ist vielen „westlich sozialisierten“ Menschen u.a. durch die Aufklärung das „überirdische Weltbild“ verloren gegangen, sie versuchen es durch „irdische“ Ideologien zu ersetzen. Nach meinem Empfinden leben wir in einer Zeitenwende, in der viele übernommenen Gewissheiten und Annahmen, die das Menschen- und Weltbild prägen, hinterfragt werden. Im Gegensatz zu früheren Zeiten, in denen nur wenige Menschen bestimmten, welchem Glauben die anderen zu folgen hatten, befinden wir uns heute in einer Zeit, in der jeder sich einbringen kann und wir alle so vor einer mäandernden Ideen- und Glaubensvielfalt stehen.

Heute befinden wir uns in einer Zeitenwende was die Frage nach der Entstehung von uns Menschen betrifft. Viele Repräsentanten der christlichen Kirchen scheinen ihren Schwerpunkt auf die Sozialethik und nicht mehr auf die Verkündigung einer jenseitigen Welt zu legen. Damit geht vielen Menschen die Hoffnung auf eine ewige Existenz verloren. Aus meiner Sicht sucht damit der natürliche Drang in uns, unsere Existenz zu sichern, nach „Ersatzlösungen“ (dazu mehr in den nachfolgenden Kapiteln).

 

Ein Puzzlebild

Ich habe mich gefragt, wie ich die Entwicklung und die ständigen Veränderungen unseres Weltbildes an einem Alltagsbeispiel beschreiben kann. Mir erscheint dazu das  Mosaik- oder Puzzlebild als sinnvoll zu sein.

Ein Mosaikbild hat eine bestimmte Größe und eine dazu passende Anzahl an Steinchen. Habe ich nur einige wenige Steinchen, weil ich das Bild nicht kenne und nur wenige Steinchen zur Verfügung habe, dann weiß ich nicht, was das Mosaikbild  zeigt. Vor dem Problem stehen Archäologen die nur Bruchstücke der Vergangenheit finden.

Die gefundenen Steinchen entstammen dem gesamten Mosaikbild, damit gibt es sehr viele weiße Stellen. Das Problem ist, dass ich keine Ahnung von dem habe, was das Bild zeigt. Finde ich weitere Steinchen, versuche ich sie so in das Bild zu legen, dass sie dem entsprechen, was das Motiv des Bildes aus meiner Sicht sein könnte. Finde ich weitere Steinchen, dann muss ich die Größe des Bildes erweitern.

Das Gleiche passiert mit unserem Welt- und Menschenbild. Unsere Vorvorfahren konnten vieles was sie wahr nahmen alleine mit ihrer Alltagserfahrungen erklären. Das wenige was sie wussten versuchten sie zu interpretieren. Je mehr Nachfolgegenerationen an Steinchen fanden, desto mehr veränderte sich die Interpretation, gleichzeitig entstanden mehr Fragen als sie beantworten konnten – die weißen Flecken wurden immer größer.

In ähnlicher Weise wie diese Metapher dürfte sich das Welt- und Menschenbild erweitert und immer wieder verändert haben:

Zuerst gab es nur wenig an Wissen, so haben die Menschen mit ihrer Fantasie das wenige Wissen erweitert, indem sie vieles wünschenswerte hinein interpretiert haben;

dann vergrößerte sich das Wissen z.B. während der Antike und die Menschen versuchten daraus ein neues Welt- und Menschenbild herzuleiten, was u.a. neue Religionen entstehen lies;

in den letzten 100 bis 150 Jahren ist unser Wissen explodiert.  Heute sehen wir vieles anderes, vieles klarer und doch erscheint mir unserer heutigen Wissensstand  dem Paradoxon vergleichbar, das auf die antiken Philosophen Platon und Sokrates zurück gehen soll: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“.

 

Statt Mythos Logos

Übertragen wir das Sinnbild (Mosaikbild) nun auf unser Welt- und Menschenbild, dass sich im Laufe von zehntausenden von Jahren immer wieder verändert haben dürfte.

Wie bereits mehrfach erwähnt, wurden wir durch unsere Herkunft (Religion, Moral, Ethik) sozialisiert. Das Menschenbild und Weltsicht unserer direkten Vorfahren beruhte in vielen Bereichen auf antikem Denken. Heute verfügen wir dank der Wissenschaften über Erkenntnisse, die diesem ererbten Glauben, der auf vielen Mythen beruht, entgegenstehen.

In diesem Zusammenhang verstehe ich unter

  • Mythos – das sind Erzählungen, die auf Alltagserfahrungen aber auch auf sehr viele Fantasien über Ereignisse und Personen beruhen. Dadurch wird in der jeweiligen Gesellschaft eine gemeinsame Identität erzeugt. Bei der Frage nach Ursachen und bei Fragen nach der eigenen Existenz wird dadurch Unbegreifbares begreifbar gemacht, indem man Unbegreifbares in eine uns nicht zugängliche Welt „verlagert“.
    Hierzu gehört auch das Interpretieren (s. Kapitel 1.3.4).
  • Logos – der Logos ist der Versucht einer Beweisführung. Nach heutigem Kenntnisstand haben vor allem die griechischen Philosophen hierfür die Grundlagen geschaffen. Heute wollen wir nicht glauben sondern Beweise für Behauptungen, die uns im Idealfall die Wissenschaften liefern. Auch Religionen versuchen die Beweisführung, indem sie bei Predigten auf einen bestimmten Textteil in einem Evangelium verweisen.
    Hierzu gehört auch das Entstehen des Bewusstseins (Kapitel 1.2.16) und des Reflektierens (Kapitel 1.3.11).

 

Warum ist die Suche nach dem „richtigen“ Welt- und Menschenbild  für uns so wichtig?

Diese Suche bringt uns einer Antwort über unsere Herkunft , den möglichen Sinn unseres Lebens und unserem Schicksal immer näher. Ein Teil unserer Vorfahren nutzten dazu ihre Fantasien, die dann von anderen übernommen wurden. Auf Dauer kann das mit dem heutigen Wissen nur unbefriedigend sein wie das Festhalten an tradierten Vorstellungen in Form von Glauben und Ideologien.

 

Unser Weltbild- und Menschenbild im Wandel der Zeit

Wir zuvor erwähnt, müssen wir heute davon ausgehen, dass sich unsere Sicht auf uns als Mensch und auf unsere Umwelt immer wieder verändert hat. Auch wenn viele Theorien nur auf Mutmaßungen beruhen, weil endgültige Beweise über die vergangene Zeit nicht erbracht werden können, so können wir doch durch Rückschlüsse darauf schließen, was unseren Vorfahren vor zehntausenden von Jahren bei ihren Fragen zur Existenz möglich war und was nicht.

Dazu gehören auch die Fragen, seit wann Menschen erstmals darüber sinniert haben, warum die tagsüber zu sehende runde Scheibe (Sonne) von einem Punkt bis zu einem anderen Punkt wanderte, bis es dunkel wurde.  Warum so viele kleine Lichter zu sehen waren, wenn es dunkel war. Warum die kleine Scheibe (Mond) ihr Aussehen immer wieder veränderte (Vollmond, Neumond).

Vor wie vielen Jahren könnten sich die ersten Menschen diese Sinnfrage gestellt haben? Dazu die Frage:

  1. Seit wann machten sich Menschen Gedanken über die Welt in der sie lebten,
  2. und seit wann sind Menschen in der Lage ihre Gedanken mit anderen zu teilen?

Im nächsten Kapitel versuche ich eine Entwicklung in Phasen zu beschreiben, wie sich unser Menschen- und Weltbild immer wieder verändert hat. Ursächlich dafür könnte das sich immer wieder verändernde aber auch weiterentwickelnde Bewusstwerden und immer neue Erkenntnisgewinne gewesen sein.

Ich weiße darauf hin, dass die nachfolgenden Kapitel nur einen sehr groben Überblick über die Entwicklung liefern. Dadurch soll ein Gesamteindruck entstehen, der aus meiner Sicht sinnvoll ist, um die einzelnen Kapitel einordnen zu können.

 

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